Strom- und Gaskosten Anbieterwechsel: Warum die Ersparnis viele überrascht

Die staatlichen Entlastungen bei Strom und Gas fallen oft geringer aus als erhofft – beim Gas drohen sogar steigende Kosten. Wer mehr sparen will, hat zwei Hebel: den klassischen Tarif- oder Anbieterwechsel und die neuen dynamischen Stromtarife. Worauf es bei beiden Wegen ankommt und für wen sich welcher lohnt.

Stromzähler
Der Zählerstand bringt es an den Tag. Oft sind die Energiekosten höher als erwartet und ein Anbieterwechsel wäre sinnvoll. - © bmedia – stock.adobe.com

Immer zu Beginn des Jahres flattert die jährliche Verbrauchsabrechnung ins Haus. Oft sind die Kosten höher als erhofft. Gerade beim Strom ist die Ersparnis oft geringer als erwartet – und beim Gas ist sogar eher mit steigenden Kosten zu rechnen. Der Grund: Die Gasspeicherumlage fällt zwar für alle weg. Dieser Vorteil wird jedoch durch die Erhöhung des nationalen CO₂-Preises wieder geschluckt.

Und auch beim Strom gibt es einen gegenläufigen Prozess. Durch den 6,5 Milliarden Euro hohen Bundeszuschuss sinken zwar die Netzentgelte. Aber oftmals steigt gleichzeitig der Grundpreis. Immerhin: Hier bleibt in der Regel doch ein kleines Plus.

Kunden unterschätzen Einsparmöglichkeiten

Wer sich geschickt anstellt, betont Christina Wallraf, Energie-Expertin bei der Verbraucherzentrale NRW, kann allerdings oft noch deutlich mehr sparen: schlicht und einfach durch einen Tarif- oder Anbieterwechsel. Denn viele Kunden zahlen auch deswegen zu viel, "weil sie sich einfach nicht vorstellen können, wie hoch die Einsparmöglichkeiten hierdurch tatsächlich sind". Oder weil sie den Aufwand scheuen. Sie bleiben daher in der Grundversorgung.

Das heißt, sie schließen keine sogenannten Sondertarife ab, sondern beziehen Strom und/oder Gas zu den "Allgemeinen Preisen", so der Fachausdruck. Und zwar von dem Energieversorgungsunternehmen, das in der eigenen Gemeinde die meisten Haushaltskunden beliefert und daher auch als Grundversorger bezeichnet wird. Laut Bundesnetzagentur be­­trifft dies beim Strom rund 23 Prozent aller Haushalte. Beim Gas sind es etwa 16 Prozent.

Verbraucherschützer empfehlen meist Sondertarife

Das Problem dabei: Genau in diesen Tarifen sind die Kosten zumeist am höchsten. Verbraucherschützer empfehlen daher fast immer, Sondertarife zu nutzen. Diese werden fast immer ebenfalls vom Grundversorger angeboten, aber auch von einer Vielzahl anderer Anbieter. Kaum ein anderes Land in Europa ist hier so gut bestückt wie Deutschland. Derzeit gibt es nach Auskunft der Bundesnetzagentur mehr als 1.400 Stromlieferanten und rund 1.100 Gaslieferanten. Zwar liefern nicht alle überallhin: Wer sich umschaut, findet in jeder Region eine große Auswahl. Zudem, betont Wallraf, "ist ein Wechsel schnell gemacht". Mithilfe von Vergleichsportalen wie Verivox, Check24 oder Preisvergleich.de – auch hier gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Anbietern – lässt sich der günstigste Tarif sogar online ermitteln.

Wer selbst das zu mühselig findet: Seit etwa zehn Jahren gibt es spezielle Unternehmen, die diese Arbeit übernehmen. Sie heißen Esafe, Switchup oder Wechselpilot und suchen für ihre Kunden jedes Jahr erneut den besten Gas- und/oder Stromtarif heraus. Außerdem übernehmen sie die gesamte Kommunikation mit den Anbietern. Dafür verlangen sie in der Regel 20 bis 30 Prozent der Ersparnis. Dennoch kann sich die Sache lohnen.

Eine andere Möglichkeit kann es sein, sich für einen sogenannten dynamischen Tarif, auch Reststrom- oder Börsentarif genannt, zu entscheiden. Seit 2025 muss jeder Versorger solche Tarife anbieten. Allerdings: Wer in einer Mietwohnung lebt und mit Gas heizt und kocht, dem nützt das derzeit noch wenig. Denn um davon profitieren zu können, betont Lundquist Neubauer von Verivox, "sollten gleich mehrere Voraussetzungen erfüllt sein".

Für detaillierte Messung braucht es Smart Meter

Hintergrund: Bei den klassischen Tarifen, wie sie bisher Standard waren, werden die Preise für einen bestimmten Zeitraum fix vereinbart. Für den Kunden hat es also keine Auswirkungen, ob der Anbieter den Strom an der Strombörse tatsächlich günstiger oder teurer einkauft. Bei den dynamischen Varianten werden die schwankenden Preise dagegen an den Endverbraucher weitergegeben, entweder monatlich oder sozusagen live.

Damit der Kunde aber etwas davon hat, muss zunächst einmal der Anbieter wissen, wie viel wann verbraucht wird, erläutert Martin Lauenburg, Geschäftsführer von Tibber Deutschland. Tibber, hierzulande seit 2020 aktiv, ist ein aus Norwegen stammendes Unternehmen und gehört zu den Pionieren in Sachen digitale Strom­tarife. Weitere bekannte Anbieter sind Ostrom, Rabot Energy oder Octopus Energy.

Voraussetzung für die detaillierte Verbrauchsmessung ist die Installation eines sogenannten Smart Meters, der den Stromverbrauch zwischen Anbieter und Verbraucher kommuniziert. Noch wichtiger aber: Gleichzeitig muss der Nutzer seinen Verbrauch noch sinnvoll steuern können, was bei Tibber mit einer App gelöst wird. "Je größer dann der steuerbare Verbrauch ist", so Lauenburg weiter, "umso mehr spart der Kunde."

Wie gut es funktioniert, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, zeigt das Beispiel von Familie Eichler. Die dreiköpfige Familie wohnt seit gut vier Jahren im Speckgürtel von Berlin. Im Eigenheim, mit Solaranlage auf dem Dach, Batteriespeicher im Keller und seit September 2023 auch mit E-Auto in der Garage. Wobei vor allem Letzteres den Ausschlag gab, Anfang 2024 in einen volldynamischen Tarif zu wechseln, wie Vater Marius Eichler erläutert.

Den Verbrauch "sekundenscharf lenken"

Eichlers sind mit Smart Meter und App im neuen Eigenheim up to date und können den Verbrauch "sekundenscharf lenken", wie Eichler das formuliert. Konkret bedeutet das dann zum Beispiel: Das Auto lädt nachts oder wenn der Strom bei hoher PV-Einspeisung besonders günstig ist. Rund 160 Euro zahlen sie derzeit monatlich; vor der Umstellung – und noch ohne E-Auto – waren es 200 Euro. Und am Ende des letzten Jahres kam noch eine Einspeisevergütung von 300 Euro obendrauf.

Wobei grundsätzlich gilt: E-Autos, Stromspeicher und eingeschränkt auch Wärmepumpen, für die ohnehin ein günstiger Tarif gilt, machen die neuen Angebote attraktiv. Allerdings muss auch hier genau geschaut werden. Wenn beispielsweise Zählerschrank und Elektrik veraltet sind und erneuert werden müssen, kann es lange dauern, bis sich tatsächlich ein dynamischer Tarif rechnet, betonen Experten. Und für normale Haushalte, in denen allenfalls Wasch- oder Spülmaschine gesteuert werden können, stellt Wallraf klar, "kann es mit den neuen Tarifen sogar teurer werden".

Dennoch, auch darin sind sich eigentlich alle Experten einig, liegt die Zukunft der Energieversorgung genau hier. "Denn während es bislang in der Energiewirtschaft so lief, dass die Erzeugung dem Verbrauch folgte, dreht sich das mit dynamischen Tarifen um", erläutert Lauenburg. Und da der Strom zudem immer dann am günstigsten ist, wenn viele erneuerbare Energien zur Verfügung stehen, sind die neuen Tarife auch entscheidender Teil der Energiewende. "Der Proof of Concept ist erbracht", so der Fachmann.

Was Sie beim Anbieterwechsel beachten müssen

  • Gute Möglichkeiten zum Tarifvergleich bieten Vergleichsportale. Dabei wichtig: sich niemals auf ein einziges Portal verlassen, sondern immer mehrere heranziehen.
  • Dabei unbedingt auf die Filtereinstellungen achten und die voreingestellten verändern. Denn Vergleichsportale sind weder unabhängig, noch sind die Voreinstellungen immer verbraucherfreundlich.
  • Bei fristgerechten Kündigungen übernimmt der neue Anbieter die Kündigung des alten Vertrages / Sonderkündigungen zum Beispiel bei einer Preis­erhöhung sollten Sie selbst aussprechen.
  • Achten Sie auf die Laufzeiten. Zwölf Monate sind in der Regel empfehlenswert. Es gibt aber auch Verträge, die nur einen Monat Laufzeit haben und solche mit bis zu 24 Monaten.
  • Bei langfristigen Abschlüssen ist in der Regel eine Preisgarantie sinnvoll: Sie schützt davor, wenige Monate nach Vertragsabschluss eine Erhöhung zu bekommen.
  • Zudem überprüfen, für was diese Garantie gilt. Manchmal schützt sie vor allen Preiserhöhungen, also auch vor steigenden Umlagen und Steuern, manchmal begrenzt sie nur höhere Energiepreise.
  • Vorsicht bei Lockangeboten: Boni führen oft zu günstigen Einstiegspreisen und verschleiern die wahren Kosten. In Vergleichsportalen die Ein­stellung so wählen, dass diese herausgefiltert werden.
  • Weiterhin empfehlen Verbraucherschützer, Voreinstellungen auszuschalten, die die Auswahl auf Tarife beschränken, die vom Portal empfohlen werden oder in die direkt gewechselt werden kann.
  • Spezielle Vergleichsportale für dynamische Stromtarife gibt es noch nicht. Wenn Sie sich für einen solchen Stromtarif entscheiden, achten Sie darauf, dass dieser monatlich kündbar ist. Dann können Sie rasch wieder wechseln, wenn es sich doch nicht rechnet.